Von Staats- und anderen Schätzen

von Hans Fässler, Historiker, St.Gallen

(Rede gehalten am 7. April 2009 auf dem Fort de Joux bei Pontarlier anlässlich der "Pilgerfahrt" zur Todeszelle des haitianischen Revolutionärs und Sklavenbefreiers Toussaint Louverture vor den Teilnehmern/innen der Pilgerfahrt aus der Schweiz, Frankreich, Haiti, Togo und Benin, Abgeordneten der französischen Nationalversammlung und Behördemitgliedern der Region und des Département Haut-Doubs)

Einige Worte im Namen der Schweizerdelegation und im Namen von Henry Désir, dem Gründer der Pèlerinage.

Erlauben Sie einem Schweizer, einem Bürger des Landes des Bankgeheimnisses, einem Bewohner eines Steuerparadieses, erlauben Sie einem Freunde von Jean Ziegler, welcher 1990 sein Buch "Die Schweiz wäscht weisser" veröffentlicht hat, erlauben Sie, in diesen Tagen der Wirtschaftskrise, eine Woche nach dem G-20-Gipfel, von Staats- und anderen Schätzen zu sprechen.

Als die napoleonischen Truppen 1798 Berne besetzten, den damals mächtigsten Staat der alten Eidgenossenschaft, haben sie sich nicht nur der drei erwachsenen Bären im Bärengraben bemächtigt, um sie nach Paris zu verschleppen, sondern auch des  Staatsschatzes im Wert von etwa sieben Millionen Pfund in Gold und Silber. Einige Tage vorher hatte noch ein Mitglied des Berner Patriziats versucht, eine beträchtliche Summe aus diesen Staatsschatz zu verstecken. Napoleon brauchte das Geld aus Bern, um damit seinen Feldzug nach Ägypten zu finanzieren. Ironie des Schicksals: Ein Teil dieses Berner Geldes war der Profit aus den Investitionen in die englische "South Sea Company", ein riesiges Spekulationsgeschäft, welches damals in ganz Europa mit der Kolonisation und der Sklaverei in der Neuen Welt betrieben wurde.

Von den Konquistadoren auf der Suche nach den Goldschätzen der Azteken, der Inkas und der Mayas bis zu den kapitalistischen Grossmächten von heute gibt es eine einzige Logik: die angehäuften Vermögen und Staatsschätze verstecken, die Profite aus der Korruption, der Geldwäscherei und der Plünderung der Länder der Dritten Welt verstecken, oder aber jene Schätze aufspüren, um wieder neue kolonialistische, neokolonialistische und kapitalistische Unternehmungen zu finanzieren.

Ich hoffe, Sie verstehen mich nicht falsch: Ich bin eindeutig für die Steuergerechtigkeit, für die Abschaffung jener schändlichen schweizerischen Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug. Ich war in den 1980er-Jahren Teil jener Schweizer Kampagne, welche mittels einer Volksinitiative versuchte, das Bankgeheimnis abzuschaffen, einer Initiative, die zur Zeit derart radikal war, dass ihre Befürworter praktisch aus der Schweizer Gesellschaft exkommuniziert wurden, ja dass man ebenso gut hätte versuchen können, die Alpen, den Käse oder die Schokolade abzuschaffen. Und ich schäme mich manchmal für mein Land, welches in seinen Banktresoren die kriminellen Vermögen von Diktatoren wie Sani Abacha (Nigeria), Mobutu (das frühere Zaire), Jean-Claude Duvalier (Haiti) sowie Ferdinand und Imelda Marcos (Philippinen) versteckt hat.

Was hat das nun alles mit Toussaint Louverture zu tun, dessen 206. Todestag wir heute hier begehen? Vergessen wir nicht, dass Napoleon im September 1802 dem General Cafarelli den Auftrag gegeben hatte, "Auskünfte zu erhalten über die Existenz der Schätze von Toussaint Louverture". Da ist sie wieder, die Logik der Grossmächte und der herrschenden Klassen: Vermögen anhäufen, Vermögen verstecken, Vermögen aufspüren. Natürlich hat Cafarelli keine Informationen über die Schätze von Toussaint Louverture erhalten, ganz einfach, weil es diese nicht gab. Da ist sie noch einmal, die Logik der Grossmächte und der herrschenden Klassen – von der Kolonisation im 16. Jahrhundert bis zur Politik gegenüber den Ländern des Südens im 21. Jahrhundert: Dass ihre Vertreter nicht begreifen können, dass die Mehrheit der Menschheit weder die Absicht noch die Möglichkeit hat, Schätze anzuhäufen, geschweige denn, solche zu verstecken. Weil es für sie jeden Tag nur darum geht, zu überleben und für sich und für ihre Familien ein anständiges Leben im Frieden zu organisieren.

Das ist also die Lektion, die wir von Toussaint Louverture lernen können: Er hat uns seit 200 Jahren daran erinnert und erinnert uns noch heute daran, dass es jenseits der Logik von Anhäufung und Aufspürung von Schätzen, jenseits der so genannt menschlichen Leidenschaften der Gier und des Geizes, eine andere Logik gibt und anderen Qualitäten, andere Werte und einen anderen Diskurs, die wir uns in diesen Tagen der Krise wieder aneignen müssen: Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, Menschlichkeit und die Menschenrechte.

Ich danke Ihnen.