Premiere fürs Jubiläums-Kabarett

Hans Fässlers Kabarett-Projekt zum 200. Jahrestag der Gründung des Kantons St.Gallen, auf das er uns während vieler Monate durch wohl durchdachte Aktionen neugierig machte, steht vor der Premiere.

Kabarettist Fässler als Moderator der Fernsehsendung «XY-Chromosom: Kinder suchen ihre Eltern», die im Programm eine Rolle spielen wird. Die Krawatte mit Zeugungs-Sujet ist eine Einzelanfertigung.Bild: Katja Nideröst

cla. Wer Hans Fässler in diesen Tagen auf sein Kabarett-Programm «Louverture stirbt 1803» anspricht, erfährt zwar viele Details über die Geschichte sowohl des Kantons St.Gallen als auch über eine ferne Insel-Republik mit Namen Haiti, über das Kabarett-Programm selber aber ist Fässler nicht allzu viel zu entlocken: Er hoffe doch, dass «Louverture stirbt 1803» von den Premiere-Gästen «als spannend, anregend und unterhaltend» empfunden werde, meint er lediglich.

Diese Zurückhaltung ist verständlich: Kabarett arbeitet schliesslich mit der Überraschung als Stilmittel, und wer schon zum Voraus alles öffentlich macht, verdirbt seinen Zuschauern den Spass. Immerhin: Dass ein S. G. (200) aus CH im Rahmen einer parodierten «Bitte, melde Dich?»-Fernsehsendung mit dem Titel «XY-Chromosom: Kinder suchen ihre Eltern» seine Eltern sucht und allmählich erkennt, dass er «vom grössenwahnsinnigen korsischen Separatisten Napoleon B. (234)» auf dem Schreibtisch «in desktop fertilisation» gezeugt worden ist, soviel von der Rahmenhandlung des Programms gibt Fässler preis. Und natürlich werden Haiti und Toussaint Louverture, der Volksheld der Haitianer aus der Zeit der Befreiung vom Sklavenjoch, eine Rolle spielen im Kabarett, das lässt sich schon aus dem Titel schliessen. Nicht irgendeine Rolle werde es sein, sagt Fässler, die Bezüge zwischen Haiti und der Ostschweiz, St.Gallen zumal, würden uns überraschen und verblüffen. Gar für die Region Brisantes werde man erfahren, verspricht der Kabarettist und dämpft gleichzeitig Erwartungen anderer Art: «Anders als viele meinen, werden in meinem Programm nicht die üblichen Politiker an den Pranger gestellt.» Für sein Jubiläums-Kabarett hat Fässler nicht einfach wie so mancher Turnverein-Spassvogel auf die Abendunterhaltung hin mal den Kopf schräg gehalten (damit es besser zusammenläuft) und sich ein paar träfe Sprüche einfallen lassen. Vielmehr hat der studierte Anglist und Historiker monatelang in in- und ausländischen Archiven recherchiert. Das so zu Tage geförderte Material, das er mit namhaften Historikern diskutierte und wertete, dient ihm nun als Basis fürs Programm, dessen Premiere Fässler bewusst auf den 19. Februar ansetzte: jenem Tag vor 200 Jahren, an dem Napoleon den in Paris versammelten Schweizer Gesandten die neue Verfassung (und somit die Gründungsurkunde auch für den Kanton St.Gallen in seiner heutigen Form) in die Hand drückte. Der 15. April, das Datum der offiziellen kantonalen Feier mit ökumenischer Andacht in der Kathedrale, das sich auf den Amtsantritt des ersten Regierungspräsidenten bezieht und in diesem Jahr auf den Dienstag vor Karfreitag fällt, ist für den Kabarettisten von so geringer Bedeutung, dass er ihm nur gerade einen Schüttelreim abgewinnen kann: «Es tönen aus der Klosterenge/Vorgezogne Osterklänge». Fässlers Kabarett-Programm ist eines von insgesamt 38 Projekten, die St.Gallen zum Kantonsjubiläum SG2003 umsetzt. Während aber andere Projekte bisher kaum öffentlich diskutiert wurden, hat Fässlers Arbeit schon seit vielen Monaten breite Aufmerksamkeit. Dem Kabarettisten ist dies durch einen Trick gelungen: Er beantragte schon vor bald zwei Jahren, je auf dem Dach von Regierungs- und Bischofs- und Stadtpräsidentensitz die Sowjetflagge, die französische Trikolore und die UNO- und die EU-Flagge hissen zu dürfen, was angeblich zur Illustration seines Programms unbedingt nötig war. Dies führte dann prompt und in regelmässigen Abständen zu allerlei öffentlichen Kontroversen und war nebenbei eine exzellente Gratiswerbung für die nun startende Tournee dieses Kabarett-Programms durch den Kanton. Übrigens: Auch nach abgeschlossener Kabarett-Tournee wird Fässler das Haiti-Thema, das ihn nun so lange umtrieb, nicht einfach ad acta legen: Durchaus möglich sei dabei die Realisierung eines Reportagebuchs, in welches das für das Projekt gesammelte historische Material einflösse. Und auch eine politische Komponente soll das Ganze dann noch bekommen. Weshalb genau, darüber schweigt sich Fässler aus. Wer ihn aber kennt, könnte diese Ankündigung durchaus als Drohung verstehen.

«Louverture stirbt 1803». Kabarett von und mit
Hans Fässler, Premiere am 19. Februar im
Pfalzkeller, St.Gallen. Vorverkauf: Buchhandlung
Comedia, St.Gallen, 071 245 80 08. Weitere
Informationen unter www.louverture.ch