Fussnote der Geschichte

St. Gallen und der Tod des Revolutionsführers Toussaint Louverture - Jubiläums-Kabarett von und mit Hans Fässler

S
t. Gallen. Hans Fässler, den Kabarettisten, lässt die Revolution nicht los: Im Jubiläums-Kabarett greift der Linke Tod und Leben von Toussaint Louverture auf, der die haitianischen Sklaven in die Freiheit führte. Und was, bitte, hat das mit St. Gallen zu tun?

von Andreas Fagetti

Zunächst schwebte Hans Fässler ein Kabarett über die Geschichte des Kantons St. Gallen in lockeren Szenen vor. Diesen nahe liegenden Gedanken liess er alsbald fallen: «Es bestand die Gefahr, dass es lokalpatriotisch werden könnte. Das wollte ich um jeden Preis vermeiden.»


Warum nur 1803 ?

Dann meldete sich beim ehemaligen SP-Parteisekretär und Kantonsrat die Lust an der politischen Auseinandersetzung und an der Provokation: Warum, so fragte er sich, muss es unbedingt das Jahr 1803 sein? Warum bei der Gründung St. Gallens ansetzen, bei der Französischen Revolution und der Helvetik, der Mediationsakte Napoleons von 1803, beim Kantonsgründer Müller-Friedberg? Die Suche im Kopf, in Geschichtsbüchern und im Internet förderte Alternativen zutage: 350 Jahre Bauernkrieg, 250 Jahre Skorbut, 200 Jahre Verkauf Louisianas an die USA, 200 Jahre Schokolade,100 Jahre Bolschewismus, 50 Jahre DNS...


Haiti im Internet

«So wäre ein Programm entstanden, das die Beliebigkeit solcher Feiern aufgedeckt und gezeigt hätte, dass sie mehr über den Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft aussagen als über die Sache, die man feiert.» Aber auch dieser volksbelehrende Ansatz überzeugte den Mittelschullehrer schliesslich nicht. In seinem Kopf funkte es erst, als die Suchmaschine den Namen Haiti ausspuckte. Im November1803 nämlich befreiten sich die schwarzen Sklaven vom Franzosenjoch und rieben gleich zwei französische Armeen auf - mehr als 30 000 Mann. Viele Soldaten starben am Gelbfieber, andere fielen im Guerillakampf, den die Farbigen den Franzosen aufzwangen. Schliesslich kapitulierten die Franzosen, welche die Inselbevölkerung während 100 Jahren ausgebeutet hatten. Nun beanspruchten auch die ehemaligen Sklaven die Losung der Französischen Revolution für sich: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Eine Geschichte ganz nach dem Geschmack des Antiapartheid-Aktivisten Fässler. Er begann zu recherchieren und stiess auf verlorene Geschichten und unerwarteteVerbindungen aus der Karibik in den Kanton St. Gallen, aus dem Kanton St. Gallen in die Dritte Welt. Die Suche nach diesen Geschichten war mitunter mühsam und kompliziert, aber gewinnbringend für den Kabarettisten. «Louverture stirbt 1803»: Fässler hat sein Programm nach dem Revolutionsführer der Haitianer, Toussaint Louverture, benannt. Die Haitianer vergleichen ihren Volkshelden mit Napoleon, und ihre Verehrung für den Märtyrer der Revolution nimmt mitunter «jesusähnliche» Züge an, wie Fässler festgestellt hat.


Nahe der Schweizer Grenze

Louverture, der ehemalige Sklave, in die Freiheit entlassen von einem halbwegs anständigen Herrn, der ihm auch das Lesen und Schreiben beigebracht hatte, wurde zum Märtyrer, als die Franzosen seiner nach der erfolgreichen Revolution habhaft wurden und ihn im Fort de Joux nahe der Schweizer Grenze einkerkerten. Dort liessen sie ihn in einem feuchten Kerker verrecken. Louverture starb entkräftet von Feuchtigkeit und Kälte am 7. April 1803. «Von ihm, so erinnerte ich mich, hatte ich während meines Studiums schon einmal gehört.» Der Revolutionsführer kam in einem Sonett des romantischen englischen Dichters William Wordsworth vor. Der Dichter richtete darin das Wort an den im Fort de Joux Eingekerkerten. Damals beeindruckte Fässler das Sonett. Inzwischen ist das Verhältnis abgekühlt: «Heute halte ich das Gedicht nicht mehr für so wunderbar. Der herablassende Ton Wordsworths an die Adresse des Revolutionsführers vermiest mir heute den Lesegenuss.»


Suche nach Ostschweizern

Mit offiziellem Geschichtsbuchwissen freilich mochte sich der Kabarettist nicht begnügen. Es gierte ihn nach mehr. Tatsächlich stiess er auf einen elektrisierenden Hinweis - in einem Computergame, das ein Haitianer entwickelt hatte und auf dem sich die Schlachten der Haitianischen Revolution nachspielen lassen: In den Erläuterungen zum Spiel hiess es, dass auch Schweizer und Polen unter französischer Flagge bei der versuchten Niederschlagung der Revolution mitgekämpft hätten. Hans Fässler stöberte ein Jahr lang in Bibliotheken und führte Korrespondenzen bis ins Ausland. Er war überzeugt, dass auch Ostschweizer zum 600-köpfigen Schweizer Expeditionskorps gehörten. Fässler stolperte über eine Dissertation aus den Dreissigerjahren und stiess darin auf eine Liste der Offiziere jenes Korps, darunter auch ein Offizier aus dem Kanton St. Gallen, ein gewisser Jean Baptiste Gächter. Bevor er allerdings die geografische Herkunft herausfand, musste er seine Recherchen bis nach Paris ausdehnen. Denn die Liste verschwieg, woher die Offiziere stammten.


Archiv-General

Schliesslich wurde der Spuren- und Geschichtensucher fündig: im Service Historique de l'Armée de Terre, dem Archiv für die französischen Bodentruppen im Château de Vincences. Doch die Einsichtnahme in die Archivbestände erwies sich als kompliziert. Fässler korrespondierte mit dem Archiv, das von einem General geleitet wird. Alles, was dort ,herausgegeben wird, muss über seinen Tisch. «Es war eine sehr komplizierte Angelegenheit», stöhnt Fässler. Da ein Austausch per E-Mail nicht möglich war, musste der St. Galler auf den Ferndienst ausweichen. Von St. Gallen aus bestellte er jene Archivbestände vor, in die er Einsicht haben wollte. Als er für einige Tage nach Paris kam, lagen die Akten bereit. «Dank dieser Vorarbeiten hatte ich sehr viel Zeit gespart, denn ich hätte nicht wochenlang in diesem Archiv rumstöbern können.» Inzwischen war Fässler bei seinen Recherchen längst auf anderes, brisantes Material über Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz im Allgemeinen und der Ostschweiz im Besonderen und der Dritten Welt gestossen. «Aber darüber möchte ich noch nicht mehr verraten.» Eine Fährte legt Fässler dennoch: Er lässt sich nicht von ungefähr vor dem St. Galler Café Nonolet (Lateinisch für: Geld stinkt nicht) für diesen Zeitungsbeitrag ablichten, das Kaffeehaus liegt - ebenfalls kein Zufall - direkt neben einer St. Galler Privatbank. Aber zurück zu den braven Schweizer Soldaten. Fässler fand heraus, dass jener Jean Baptiste Gächter ein Offizier im Range eines Lieutnants gewesen war und aus Rorschach stammte. Das nächste Ziel des Fährtensuchers: Die Identität gewöhnlicher Soldaten herausfinden.


Fündig im Bundesarchiv

Schliesslich wurde er im Bundesarchiv in Bern fündig: Zehn Namen von St. Galler Soldaten, die in Haiti gekämpft hatten, fand er dort, vom Lieutnant und Korporal bis hinunter zum Grenadier und Tambour. Nun kann es zum Kabarett kommen - mit Sketches, Rollenspielen, Liedern und Bildern: Parallelen zwischen der Gründung St. Gallens und Haitis, Berührungspunkte zwischen den St. Galler Soldaten im Dienste Frankreichs und den Revolutionären dieser karibischen Insel, dieser Perle der Antillen, und die Geschichte des Revolutionsführers Toussaint Louverture, der eine Woche vor der ersten Versammlung des St. Galler Kantonsparlaments im Fort de Joux nahe der Schweizer Grenze elendiglich zugrunde ging. Übrigens: Fässler wird auch feiern, auf Fort de Joux, wo am 7. April 2003 Toussaint Louverture zu Ehren an seinem 200. Todestag eine grosse Feier gegeben wird. «Wir werden ebenfalls mit einer Delegation zum Fort pilgern», sagt Hans Fässler.

«Louverture stirbt 1803» - Kabarett mit und von Hans
Fässler. Die Premiere findet am 19. Februar, 20 Uhr, im
Pfalzkeller statt. Vorverkauf: Buchhandlung Comedia,
St. Gallen, 071 245 80 08. Weitere Informationen:
www.louverture.ch



STICHWORT

Kantonsjubiläum

38 Projekte werden zum St. Galler Kantonsjubiläum SG2003
umgesetzt. Wir stellen sie in loser Folge in Form von
Werkstattberichten vor. Kabarettist Hans Fässler beschäftigt
sich in seinem Projekt mit der Geschichte Haitis und der
Person des Revolutionärs Toussaint Louverture. Am Anfang
dieses Prozesses sei Haiti eine historische Fussnote zum
St. Galler Kantonsjubiläum gewesen. Am Ende dieses
Prozesses steht das Kantonsjubiläum als Fussnote zur
Geschichte Haitis und der Befreiung der kolonisierten Völker
Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und der Karibik. (fa)