Abs.: David Zaugg

An: Hans Fässler
Cunzstrasse 31
9016 St. Gallen

Biel, 23. September 2009


Lieber Hans

Wäre doch ein Vergnügen, sich gegenseitig öffentlich zu zerpflücken? Aus Rücksicht auf die Partei lasse ich es aber bleiben und melde mich nur kurz privat.

War der berühmte Eiszeitforscher Louis Agassiz Rassist, sogar über das damals leider übliche Mass hinaus? Hat er die damalige und vielleicht gar die zukünftige Welt damit beeinflusst und ist das heute noch von Belang? Ich werde mir meine bescheidene Meinung dazu erst machen, wenn ich dazu noch ein paar andere kompetente Meinungen als allein die Deine beigezogen habe. Ich bin halt ein Berner! Kennen tat ich ihn weiter eh nicht, bloss dass ich vor einigen Jahren bei einem Spaziergang über den Mont Vully an dessen Rückseite an den Findling Pierre Agassiz gelaufen bin - und gestaunt habe: Wie konnte man damals auf die Idee kommen, dass der von der Furka stamme? Du scheinst nicht gemerkt zu haben, dass es mir erst mal um eine andere Frage ging, wenn der Berg umbenannt werden soll: War Renty (oder Rentry, wie Du vor zwei Jahren und im deiner Petition noch zu schreiben pflegtest!) Geologe, Eiszeitforscher oder hatte er sonstwie das Geringste mit den Alpen zu tun? Dann benenne man meinetwegen das Horn um!, nur werde Dich doch erst mal bitte mit Dir selber einig, wie nun der Name jenes Sklaven lautete oder hätte lauten können, der für dein doch recht originelles Experiment herhalten müsste, bevor du damit erneut im Büro der Landestopografie anklopfst! Übrigens treffe ich in meiner Arbeit mit Leuten aus Mittel- und Westafrika eher auf den Namen Lendi, nicht aber auf Renty (und schon gar nicht Rentry, was allein schon wegen der Anhäufung von drei nacheinander folgenden Konsonanten dort unüblich ist)! Wie dem auch sei, entscheiden sollte das natürlich nicht ein Künstler, der liebend gern all jenen ans Bein pieselt, die mutmasslich ein Mü weniger links denken als du, einer, den es juckt zu schauen, wieweit man seinen kühnen Gedankenexperimenten auch noch Taten folgen lassen könnte, zusammen mit einem aufmüpfigen Vollziehungstross um sich geschart mit zuvorderst jener jungen, zarten, pelzverpackten Mitkünstlerin mit Bubennamen - hat sie den schönen Pelz wohl selbst gejagt?

Orwell-Speech? - Das ist, wenn Dinge (meist zu Manipulationszwecken) mit Namen bezeichnet werden, die nichts mit ihnen zu tun haben.

Grüsse aus Biel (jeden Abend heim in die Felsenstrasse schaff ich leider nicht)!

David Z.

PS. Dein Buch steht übrigens seit zwei Jahren in meiner selbstangelegten Fachbibliothek den Mitarbeitern und der Klientel zur Verfügung. Diesen Denkansätzen muss man sich stellen, finde ich, und will da nichts zensurieren, auch wenn ich einiges anders sehe. Danke noch, Hans, für den gut gemeinten Tipp zur Horizonterweiterung. Stimmt schon, ich lebe doch seit bald 20 Jahren in St. Gallen. Und hergekommen bin ich aus dem Busch, vorher war man bei den Welschen und zwischenhinein noch ein paar Jährchen im arabischen Wüstensand – wie wollte einer da den Horizont entfalten! Warum ausgerechnet mit einer brasilianischen Intellektuellen über Rassismus diskutieren? Mit denen diskutiere ich viel lieber über die Musik! Ein brasilianischer Student in Damaskus, der dort seine Wurzeln pflegte, hat mir einmal gesagt, „Café au Lait“ gelte dort als „ahsen Lawn“/ die beste aller Hautfarben! An jener Schule ist mir auch der islamische Gelehrte aus Senegal mit Stock und Bärtchen über den Weg gelüffen (ya Latif!, wir haben mehr mit ihm gelacht als wehgeklagt und Betroffenheit signalisiert!). Hingegen ein Name, den ich in Deiner Aufzählung vermisse, ist der von Axelle Kabou aus Kamerun. Ok, dann ignorier sie halt, wenn Sie Dir nicht in den Kram passt! Jetzt zum Schluss aber noch etwas: Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit, einen kongolesischen Sekundarlehrer (kein Professor aber immerhin!), welcher in der Rue Agassiz in La Chaux-de-Fonds wohnhaft ist, zu fragen, ob er auch wisse, woher dieser Name sei. Keine Ahnung! Ich habe ihn informiert - ist das für dich in Ordnung so?

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Mail von Hans Fässler an David Zaugg, vom 10. Oktober 2009

Lieber David

Ich schätze es sehr, dass Du die Debatte nochmals in einem Brief weitergeführt hast. Danke!

Du hast natürlich recht: Ich habe ursprünglich das falsche "Rentry" aus einem Buch abgeschrieben und später dann korrigiert: Er hiess wohl "Renty". Ich könnte mir auch vorstellen, dass er den Namen in den USA bekam und dort ein Sklave war, den man mieten (to rent) konnte.

Der Pelz von Sasha war ein Leihgabe von Pipilotti Rist.

Das dich mein Satz mit der Horizonterweiterung gemopst hat, verstehe ich. Ich wollte einfach nichts schuldig bleiben, weil du ja auch nicht zimperlich warst. Es scheint mir aber, dass du ziemlich weit herumgekommen bist. aber vielleicht halt mit anderen Kreisen von Leuten gesprochen hast als ich.

Dass du den kongolesischen Lehrer informiert hast, ist natürlich in Ordnung, und dass er nichts gewusst hat ein Beleg, wie nötig die Aufklärungsarbeit über Agassiz ist. Wie hat er übrigens reagiert?

Was den Rassismusvorwurf betrifft und die erinnerungspolitische Bedeutung der ganzen Kampagne, da bleibe ich auf meiner Position. Ich hänge dir unten einen Brief eines Freundes von mir aus Fribourg an, der Deinen Leserbrief auch gelesen hat und noch viel radikaler darauf reagiert. Aber das wirst du aushalten. Er hat mir auch erlaubt, diesen Brief auf meine Website zu tun, wo nun die ganze Debatte, ausgelöst durch deinen Leserbrief bzw. natürlich ursprünglich durch meine Kampagne, umfassend dokumentiert ist.

Herzliche Grüsse, trotz alledem
Hans