St. Galler Tagblatt (14. Sept. 2009)

Orwell-Speech um Schweizer Gipfel

Vom Pionier zum Schurken, 4.9.09

Soll jemand das begreifen! Louis Agassiz war Geologe, Glaziologe, Paläontologe, einer der ersten international renommierten Wissenschafter der USA – und Schweizer. Berühmt wurde der Forscher durch seine damals revolutionäre Eiszeit-Theorie. Auf dem Unteraargletscher liess er eine Hütte bauen, um die Gletscherbewegung zu beobachten, womit er seine Theorie belegen konnte. Ein Berg dort wurde nach ihm benannt. Wenn nun der Verein «Démontez Louis Agassiz» um den umtriebigen Hans Fässler das Agassizhorn in Rentyhorn umbenennen will, weil Agassiz in den USA die irrige Idee hatte, anhand des Fotos eines Sklaven, welcher Renty hiess, dessen «rassische Zweitklassigkeit» beweisen zu wollen, gerät wohl etwas durcheinander!

Wenn es einem Forscher gelingt, in seinem Fachgebiet die Wissenschaft um bahnbrechende Erkenntnisse zu bereichern, darf der von ihm vielleicht ebenfalls ausgesprochene Unsinn in anderen Bereichen nicht noch höher bewertet werden! Der bestimmt bedauernswerte Sklave Renty hatte mit Gletschern und Bergen in den Alpen nichts zu tun – wieso den Berg nach ihm benennen? Nach derselben Logik könnten wir die Niklaus-Meienberg-Strasse gleich «Aline-Graf-Strasse» nennen, da bei dem von Fässler verehrten St. Galler sexistische Züge nicht von der Hand zu weisen sind, was in dasselbe Kapitel gehört. Ein angehender «President Clinton Square» in einem neuen Stadtteil Washingtons würde zum «Monica Lewinsky Square» – zu wessen Nutzen? So etwas ist Orwell-Speech in Reinkultur!

Der Alt-68er Fässler ist, nicht weniger als Agassiz, Kind seiner Epoche und damit noch lange nicht am Ende der Entwicklungen und Erkenntnisse. Agassiz (*1807) wirkte vor bald 200 Jahren. Dass er mit der Schriftstellerin Elisabeth Cabot Cary verheiratet war, die sich zu jener Zeit besonders als Verfechterin der Frauenbildung hervortat, lässt zumindest die Vermutung zu, dass er ganz so gesellschaftlich verblendet auch nicht gewesen sein kann. Dem vielseitig begabten Hans Fässler empfehle ich, sich überlegen, ob er als Historiker, Oberlehrer oder Kabarettist ernst genommen werden möchte.

David Zaugg

Felsenstr. 22, 9000 St. Gallen

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St.Galler Tagblatt (17. Sept. 2009)

Den Horizont erweitern

Orwell-Speech um Schweizer Gipfel / Vom Pionier zum Schurken, 4.9.09

Gerne gehe ich auf die Stellungnahme von David Zaugg zur Forderung nach der Umbenennung des Agassizhorns in Rentyhorn ein. Sie enthält eine Anzahl von Missverständnissen und Verdrehungen, die dadurch nicht wahrer werden, dass man sie zwischen Grindelwald, Bern und St.Gallen seit Jahren wiederholt.

Erstens war Agassiz nicht der Begründer der "damals revolutionären Eiszeittheorie", sondern lediglich ihr besonders umtriebiger Verbreiter. Zweitens wurde das Agassizhorn nicht "nach ihm benannt", um ihn für seine wissenschaftlichen Verdienste zu ehren, sondern die Forschergruppe um Agassiz hat anlässlich der Expedition von 1840 ins Unteraargebiet den vorher unbenannten Gipfel ihrem unbestrittenen Idol gewissermassen zugeschanzt. Wohlverstanden ein Vorgehen, das in SAC-Kreisen und auch im Berner Oberland durchaus nicht unumstritten war. Drittens war Agassiz nicht einfach ein grosser Naturwissenschafter, der nebst seinem Fachwissen noch etwas "irrige Ideen" und "Unsinn" verbreitet hat. Gerade wegen seinem wissenschaftlichen Renommee wurde der Schweizer Glaziologe zu einem der international bedeutendsten Verfechter des so genannten "wissenschaftlichen Rassismus" und seine immer wieder schriftlich und ausführlich formulierten Ideen waren bei den Sklavenhaltern der Neuen Welt hochwillkommen und fanden sich in der US-amerikanischen Rassen-Segregation nach 1865 und der südafrikanischen Apartheidpolitik nach 1948 wieder. Nach einer neuesten Studie gibt es sogar eine Menge erschreckender Parallelen zwischen Agassiz' Gedankengut und demjenigen des deutschen Faschismus, was die beinahe pathologische Betonung der "Reinrassigkeit" und den Ekel vor "Rassenvermischung" betrifft. Viertens war Elisabeth Cabot Cary nicht nur eine relativ liberale Persönlichkeit, sondern sie hat auch die Herausgabe der Briefe ihres Mannes besorgt, indem sie die besonders heiklen rassistischen Passagen einfach wegliess.

Ein Berner Oberländer Gemeindepräsident hat am Schweizer Fernsehen seine Ablehnung der Umbenennung damit begründet, der Name eines kongolesischen Sklaven passe nicht in die Gletscher- und Bergwelt der Region. Wie der frühere SP-Sekretär Zaugg dazu kommt, diese lokal-konservative Argumentation zu übernehmen, bleibt wohl sein Geheimnis. Ebenso muss bis auf Weiteres rätselhaft bleiben, was um alles in der Welt die Forderung nach Umbenennung des Agassizhorns mit dem Sexismus von Meienberg, der Lewinsky-Affäre von Clinton oder mit Orwells "Nineteen Eighty-Four" zu tun haben soll. Dem vielseitig interessierten Herr Zaugg empfehle ich meinerseits, seinen Horizont einmal über die Felsenstrasse hinaus auszuweiten und das Thema des Rassismus von Louis Agassiz mit einem kongolesischen Historiker, einem afrikanischen Immigranten in Bordeaux, einer brasilianischen Intellektuellen, einem afrikanisch-amerikanischen Bürgerrechtler oder einem islamischen Gelehrten aus dem Senegal diskutieren. Es würde ihm gut tun.


Hans Fässler
Cunzstrasse 31, 9016 St.Gallen