Runder Tisch für Agassizhorn

Von Sarah Nowotny

Louis Agassiz war ein grosser Naturforscher, aber auch ein Rassist. Ein Komitee will einen nach ihm benannten Berg umbenennen lassen – und stösst erstmals auf offenere Ohren.

 

Sasha Huber von der Aktion «Démontez Louis Agassiz» im August 2008 in Lauterbrunnen. (Keystone)

Das Agassizhorn heisst bald Rentyhorn, geht es nach dem Schweizer Historiker Hans Fässler und der schweizerisch-haitianische Künstlerin Sasha Huber. Bisher wollten die Gemeinden Grindelwald und Guttannen über dieses Anliegen aber nicht einmal diskutieren. Nun scheinen die starren Fronten aufzubrechen. Noch diesen Sommer setzen sich die Gemeindepräsidenten und Mitglieder der von Fässler gegründeten Aktion «Démonter Louis Agassiz» in Grindelwald an einen runden Tisch, wie Fässler bestätigt. «Über das Datum haben wir aber Stillschweigen vereinbart.» 3993 Meter hoch ist das Agassizhorn, das sich an den Nordwestgrat des Finsteraarhorns schmiegt. Finstere Seiten waren auch Teil seines Namensgebers. Der Schweizer Forscher Louis Agassiz (1807–1873) ist zwar vor allem in Erinnerung geblieben, weil er als einer der ersten die Formung der Landschaft durch Gletscher untersuchte. Gleichzeitig war Agassiz aber von der «Minderwertigkeit der schwarzen Rasse» überzeugt. Er liess den kongolesischen Sklaven Renty in Südkarolina fotografieren, um seine «rassische Zweitklassigkeit» zu beweisen – daher Fässlers und Hubers Vorschlag für die Namensänderung. 2007 machte sich auch Nationalrat Carlo Sommaruga (sp) auf Bundesebene in einer Interpellation für die Umbenennung des Bergs stark. Wie die beiden Gemeinden reagierte der Bundesrat aber ablehnend auf das Ansinnen.

«Opfer sind Teil der Geschichte»
Der runde Tisch diene vor allem dazu, sich gegenseitig kennenzulernen, sagt Fässler. Bisher habe er mit den Gemeinden nur via Medien Kontakt gehabt. «Es ist ein Fortschritt, dass sie nun gesprächsbereit sind.» Zwar gebe es weltweit rund 20 nach Agassiz benannte Berge, Seen und Strassen, aber die Aktion «Démonter Louis Agassiz» wolle sich vorerst auf einen Ort konzentrieren. «Die Namensänderung wäre ein wichtiges Signal, denn Opfer sind Teil der Menschheitsgeschichte und sollten von den Nachfahren nicht vergessen werden.»

«Keine Vorentscheidung»
Huber fügt an, dass die Schweiz ihr Verhältnis zum Kolonialismus nie aufgearbeitet habe und bei der Vergangenheitsbewältigung auch rein symbolische Akte einen gewissen Wert hätten. Ob der runde Tisch tatsächlich zu einer Umbenennung führe, sei völlig offen. Auf jeden Fall begegne Grindelwald dem Anliegen wohlgesinnter als Guttannen. Am runden Tisch erhielten die Gemeinden auch eine Petition pro Namensänderung überreicht. «Wir haben 2000 Unterschriften aus über 70 Ländern gesammelt.» «Wir können über alles diskutieren», sagt Grindelwalds Gemeindepräsident Emanuel Schläppi. Aus heutiger Sicht sei es unbestritten, dass Agassiz zum Teil Unrecht begangen habe, aber jeder Mensch besitze dunkle Seiten. Die öffentliche Diskussion über die Namensänderung müsse erst noch stattfinden.«In Grindelwald ist vielen nicht auf Anhieb klar, wo sich der Berg befindet, aber sie wollen nicht, dass sein Name auf Druck von aussen hin geändert wird.» Zudem seien auch in der Westschweiz Strassen und Plätze nach Agassiz benannt. «Der runde Tisch ist keine Vorentscheidung.» Schläppi kann sich statt einer Umbenennung auch vorstellen, auf Tafeln und in Führern auf die dunklen Seiten Agassiz’ hinzuweisen. Wie das Verfahren der Namensänderung im Detail funktionieren würde, und ob etwa die Gemeindeversammlung ihren Segen geben müsste, wisse er noch nicht. Guttannens Gemeindepräsident Hans Abplanalp war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

(Der Bund)