"L’Ouverture stirbt 1803"
Kabarett und Satire zum Kantonsjubiläum
c/o Fabio Pasqualini
Cunzstr. 32
9016 St. Gallen


Kathrin Hilber
Regierungsrätin
Regierungsgebäude
9001 St. Gallen

Dr. Ivo Fürer
Bischof
Klosterhof 6b
9000 St. Gallen

St. Gallen, 20. August 2000


Regierungsgebäude und Kathedrale



Sehr geehrte Frau Regierungsrätin
Sehr geehrter Bischof

Wie Sie der beiliegenden Korrespondenz entnehmen können, haben wir bisher erfolglos versucht, Bewilligungen für die Nachstellung bzw. bildliche Umsetzung von Szenen und Ideen für das Kaba-rettprogramm "L’Ouverture stirbt 1803", unseren Beitrag zum 200-Jahr-Jubiläum des Kantons St. Gallen, zu erhalten. Dies ist umso bedauerlicher, also für unser Programm das historische Thema "Fremdherrschaft" gleich zweifach bedeutsam ist: zum einen in Form der realen französischen Okkupation, welche die Kantonsgründung erst ermöglicht hat, und zum anderen in Form der imaginären sowjetischen Okkupation, welche als Drohgebärde das innenpolitische Klima der ganzen Nachkriegszeit geprägt hat.

Die Ablehnung unserer Anliegen befremdet uns in mehrfacher Hinsicht, und wir möchten in der Form einer Anzahl Fragen an Sie, Frau Regierungsrätin Hilber und Bischof Fürer, diesem Befremden Ausdruck geben und Sie ersuchen, sich die Sache nochmals durch den Kopf gehen zu lassen.

1) In beiden Ablehnungen scheint die Sorge um die "Würde des Klosterplatzes" und des Stiftsbezirks eine wichtige Rolle zu spielen. Besteht nicht auch die Gefahr, dass das "Weltkulturerbe" durch eine allzugrosse Abschottung einer lebendigen kulturellen Auseinandersetzung und zeitgenössischen Vermittlung entzogen wird ?

2) Der Kanton St. Gallen hat hinsichtlich seiner 200-Jahr-Feier versprochen, er wolle sich "gross-zügig zeigen". Sollte diese Grosszügigkeit lediglich pekuniär und nicht auch ideell gemeint sein ?

3) Sollte es sein, dass bezüglich der Nutzung des Stiftsbezirks mit zweierlei Ellen gemessen wird ? Was ist wohl der grössere Eingriff in die "Würde des Stiftsbezirks": eine zehnminütige Inszenie-rung zwecks Fotoaufnahme für ein kleines, aber linkes Kabarettprogramm oder aber die Ver-pflichtung zu einem "jährlichen Konzertwochenende" auf dem Klosterhof vor der Kathedrale sowie zu "theatralischen, choreographischen, musikalischen und multimedialen Aktivitäten" im gesamten Stiftsbezirk, welche Kanton und katholischer Konfessionsteil durch ihren Vertrag mit dem Kultur-Kommerzunternehmen "Classic Events AG" der Herren Peter und Kurt Weigelt sowie von "Unternehmen der Mediapolis-Gruppe für integrierte Kommunikation" (Zitate aus der Web-site "Weltklang St. Gallen") eingegangen sind ?

4) Könnte es sein, dass Kulturschaffende nicht gleich Kulturschaffende sind ? Wurden etwa für den Film "Das Geschenk" (Christian Ledergerber, o.J.), welcher für die sogenannte 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft von 1991 produziert wurde, keine Drehbewilligungen in den Gängen des Regierungsgebäudes, in der Stiftsbibliothek und im Grossratssaal erteilt ? Was ist wohl der grössere Eingriff in die "Würde des Stiftsbezirks": eine zehnminütige Inszenierung zwecks Fotoaufnahme für ein kleines, aber linkes Kabarettprogramm oder aber die Landung eines Helikopters im Klosterhof, dem ein durch einen Schauspieler dargestellter Napoleon entsteigt (siehe Minuten 3-4 des Films "Das Geschenk") ? Ist der Spielraum des Bewilligung erteilenden Kantons, des katholischen Konfessionsteils sowie allenfalls noch des "Bundesamtes für Zivil-luftfahrt" (BAZL) plötzlich grösser, wenn in der "Realisierungsgruppe" eines Jubiläumsprojekts Urs Flückiger, Werner Gächter, Hubertus Schmid und Martin Wettstein sitzen und der Film die "Unterstützung" u.a. von Gregor Ledergerber, Ernst Rüesch, Werner Stauffacher, Walter Lendi, Alois Stadler, Urs Cavelti und Georg Thürer hat (siehe Abspann von "Das Geschenk") ?

Wir danken Ihren bereits jetzt für Ihre Bereitschaft, unsere Argumente noch einmal einer gründlichen Prüfung zu unterziehen.


Mit freundlichen Grüssen

Hans Fässler Willi Häne Fabio Pasqualini


Beilagen: bisherige Korrespondenz