Chronik eines vermeidbaren Todes

Text von Irene von Hartz, vorgetragen an der Matinee vom 13. April 2003 im St. Galler Stadttheater

Nnamdi Toni war 22 Jahre jung. Geboren wurde er in Nnewi im Staat Annambra im Osten Nigerias. Man hatte ihm bei der Geburt einen langen schönen Name gegeben : Nnamdi Toni Osuigwe Christian Kenechukwu. Ich habe mir sagen lassen, das heisst: Mein Vater lebt, Antonius, Eisenschmelzer, Christ, Gott sei gedankt!

Im Jahr 2002 hat Toni, wie er hier genannt wurde, in der Schweiz um Asyl nachgesucht. Man wies ihn dem Kanton St.Gallen zu und brachte ihn im Durchgangszentrum Thurhof in Oberbüren unter. Dort lebte er nicht lang, nur wenige Monate. Er starb dort in der Nacht vom 12. Februar 2003, sehr weit weg von zu Hause, in einem der kahlen Mehrbettzimmer des Thurhofs, von seinen Freunden, Landsleuten von ihm, auf eine Matratze auf den Boden gebettet, schreiend, weinend, halluzinierend, Blut spuckend, sich vor Schmerzen windend.

Was ist da geschehen?

Es ist Samstag und der junger Mann fühlt sich elend und krank, hat leichtes Fieber. Er geht ins "Büro" und bittet, einen Arzt aufsuchen zu dürfen. Samstag geht das nicht. Am Sonntag gehts ihm schlechter, seine Haut juckt und das Fieber steigt. Am Montag darf er zum Vertrauensarzt des Zentrums nach Oberbüren. Der Arzt stellt Windpocken fest, gibt ihm eine den Juckreiz mildernde Salbe und Paracetamol und schickt ihn ins Heim zurück. Toni nimmt das Medikament, aber sein Zustand verschlechtert sich. Seine Zimmergenossen machen sich um ihn Sorgen. Was er isst, gibt er wieder von sich, das Fieber steigt, er kann nur noch unzusammenhängend sprechen und fühlt sich immer elender. Am Dienstag gehen zwei besorgte Freunde mit ihm, der kaum mehr stehen und schon gar nicht mehr für sich selber sprechen kann, wieder zum "Büro". Sie bitten die diensttuende Betreuerin, Toni ein Spital aufsuchen zu lassen, da es ihm sehr schlecht ginge und sie um ihn Angst hätten. Die Bitte wird abgewiesen. Man wisse schon, dass er Windpocken habe, das sei eine ungefährliche Kinderkrankheit, er sei ja beim Doktor gewesen, so wird ihre Antwort beschrieben. Die Betreuerin gilt als streng und unzugänglich, sie ist nicht beliebt und man geht ihr lieber aus dem Weg. Toni legt sich wieder ins Bett, nimmt das verschriebene Medikament, sein Zustand verschlechtert sich stündlich. In der Nacht beginnt er, Blut zu spucken und zu halluzinieren, wälzt sich, schreit und stönt. Die Freunde wissen sich nicht zu helfen, sie reden ihm gut zu, sie tun was sie können, um ihn zu beruhigen. Sie haben ihn auf eine Matratze auf den Boden zwischen ihren Betten gelegt. Um 12 Uhr nachts, als Toni gerade etwas ruhiger ist, beschliessen sie zu schlafen, werden aber zwischen 2 und 3 Uhr von seinen Schreien aufgestört. Toni ist ausser sich, er ist am Sterben, davon sind sie überzeugt. Man läuft zum Zimmer der Nachtwache, klopft ihn raus und führt ihm Toni vor. Er solle eine Ambulanz rufen, der Mann sei am Sterben, er müsse ins Spital. Der Anblick des in seinem Blut liegenden Kranken löst bei der Nachtwache nichts aus. Eine Ambulanz will er nicht rufen. Man solle bis morgen warten. Und er geht wieder in sein Zimmer zurück. Jetzt beschliessen die Zimmerbewohner, selbst die Sache in die Hand zu nehmen. Die Notfallnummer des Spitals kennen sie nicht, sie könnten Toni auch nicht selber mit einem Taxi ins Spital bringen, denn nachts ist die Haupttür des Heims verriegelt und sie sind eingeschlossen. Mit einem Handy rufen sie die Notrufnummer der Polizei an. Einer, der ein bischen Deutsch kann übernimmt das Reden: Die Polizei soll schnell in den Thurhof kommen, da sterbe einer, man bräuche eine Ambulanz. Bei der Polizei tut man unverständig, will den Thurhof nicht kennen, sagt nicht zu. Doch den Thurhof kennt man bei der Polizei sehr wohl und so ruft dann sie im Heim an, spricht vermutlich mit der Nachtwache. Oder hat die Nachtwache, sich besinnend, auch eine Ambulanz gerufen? Das ist noch nicht geklärt. 20 Min. danach, gegen 3 Uhr, ist die Polizei am Eingang und wenig später trifft auch die Ambulanz ein. Toni aber, was ist mit Toni? Toni ist inzwischen gestorben. Er ist tot - und die mehrstündigen lebensrettenden Anstrengungen der Nothelfer bringen ihn nicht mehr ins Leben zurück.

Über diesen tödlichen Vorfall gibt es im Nachhinein zwei Versionen, die ganz weit auseinander gehen: eine amtliche und abwehrende, die zunächst dem Toten eine Selbstveschuldung anlastet, und eine, die sich auf die Aussagen der Bewohner und Mitzeugen beruft, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten auszumachen sucht und nach Konsequenzen frägt. Die Anlaufestelle gegen Rassismus vom CaBi und augenauf Zürich setzen sich für den zweiten Weg ein. Wind von der Sache bekamen sowohl Zürich wie St. Gallen über persönliche Kontakte. Wäre ansonst überhaupt nebst der Autopsie eine Untersuchung eingeleitet worden? Die von uns auf die Angelegenheit angesetzte Presse veröffentlichte zunächst die amtliche Version, die vom Asylkoordinator St. Gallens, Thomas Wieland, stammt: Erste Auskünfte der Rechtsmedizin ergeben, so liess er wissen, dass der Nigerianer durch eine Überdosis Drogen umgekommen sei. Windpocken sei übrigens für die Asylzentren keine Neuheit und dass Afrikaner immer direkt ins Spital wollten, sei, weil in ihrem Land eben die Gesundheitsversorgung so funktioniere.

Die Bewohner erlebten: Die Leiche Tonis wurde sofort wegtransportiert, sein Schrank von der Polizei aufgebrochen, durchsucht und alles Persönliche, auch die Medikamente mitgenommen. Als die Journalisten kamen, wurden sie von der Heimleitung umfassend betreut und herumgeführt - der Thurhof ist gewiss von Aussen ein schönes Anwesen - ein ordentliches Zimmer zeigte man ihnen, - nicht das wo Toni starb -, und dann gingen sie wieder ohne einen Zeugen zu befragen. Einen ganzen Monat lang wollte niemand ihre Version hören und der sogenannte Drogentod von Toni, den sie immer zurückwiesen, sollte ihre Position zusätzlich schwächen. Die acht Tage nach Tonis Tod von der Kantonsrätin Paula Höchner verfasste Interpellation zum " Tod eines Asylsuchenden" frug ebenfalls, was da schief gelaufen sei, ob die richtige Diagnose gestellt worden war und warum Toni nicht ins Spital überwiesen wurde. Werden die Mitbewohner befragt, ohne Angst vor Konsequenzen betreffend ihres Asylgesuchs haben zu müssen. Diese Anfrage gab den zuständigen Aemtern die Gelegenheit, eine Informationssperre zu erlassen. Dennoch wurde weiter abgewehrt, jede Verantwortung zurückgewiesen und es schliesslich als verwerflich bezeichnet, dass man sie des Rassismus verdächtige. Wir hingegen nehmen nebenher vieles in der Sache interessantes wahr, auch wenn der Autospiebericht auf sich warten lässt: Der Heimleiter nimmt die Zimmerbewohner einzeln ins Gebet und raunt, er zweifle, dass Toni Drogen nahm. Der kompromettierte Arzt beruft eine Versammlung im Heim ein und bedauert den Todesfall, der auf eine Komplikation der Windpocken zurückzuführen sei. Schliesslich bestätigt die Regierung vor ein paar Tagen, nicht Drogen seien die Ursache für Tonis Tod sondern eine virale Lungenentündung. Ein Untersuchungsrichter nimmt die Untersuchung auf und vernimmt endlich die Zeugen. Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten stehen plötzlich sehr wohl zur Diskussion. Die Anlaufstelle gegen Rassismus und augenauf können für sich beanspruchen, mit ihren Nachforschungen die trägen Speichen des Untersuchungsrads angekickt zu haben und zu verhindern, dass über den Tod eines Asylsuchenden einfach kalt hinweggegangen werden kann. Die medizinische Grundversorgung von Flüchtlingen muss garantiert sein. Ein Fall wie der von Toni darf nicht mehr passieren.