Ethischer Kommentar zum Tod von Tony Paul Nnamdi

Was kann eine Ethikerin sagen zum Tod von Tony Paul Nnamdi?

Meine Aufgabe sehe ich nicht darin, zu beurteilen, was richtig und was falsch gewesen wäre, denn das wissen wir alle. Es geht mir darum zu zeigen, dass Geschehnisse wie diese durchaus in der Konsequenz unserer westlichen Ethiktradition liegen.

Viele Leute meinen zwar, unsere Ethik sei, zumindest seit der Französischen Revolution, ein-deutig auf Freiheit und Gleichheit erbaut und wir könnten ihr deshalb getrost vertrauen. Diese Meinung kann das Gewissen beruhigen, aber leider ist sie nicht zutreffend.

Es gibt da nämlich eine andere, starke Tradition, die das Konzept von der gleichen Würde aller Menschen von Anfang an und bis heute immer wieder unterläuft. Im Kern und am Ursprung unserer Kultur, nicht irgendwo am Rand, steckt die Vorstellung, die Welt sei zweigeteilt in höhere und niedere Sphären, und die Menschheit entsprechend in wichtige und weniger wichtige Menschen. Von den aufklärerischen Idealen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wird diese Grundidee immer wieder nur notdürftig verdeckt. Wenn ich die „Brüderlichkeit“ wörtlich nehme, was viele bis vor kurzem getan haben, dann ist die Zweiteilung der Menschheit entlang der Grenzen des Geschlechts, der Hautfarbe, der Nationalität, des Alters, der körperlichen Konstitution usw. sogar noch deutlich zu erkennen.

Ich will nun keineswegs behaupten, am Ursprung des Todesfalls, der uns hier beschäftigt, stehe eindeutig Rassismus. Aber die Behauptung, es sei vollkommen abwegig, hier eine Fehlleistung aufgrund der notorischen Unterscheidung zwischen wichtigen und weniger wichtigen Menschen zu vermuten, halte ich für unangemessen. Denn wie gesagt: diese Unterscheidung ist nicht die schändliche Ausnahme von der Regel. Sie steckt überall, auch in mir, auch in uns. Sie befindet sich eben nicht am Rande, sondern im Kern unserer ethischen Tradition, unseres Denkens und unserer Sprache. Niemand ist von ihr gänzlich unberührt, und sie verschwindet nicht einfach, wenn in einem Gesetz steht, dass sie verschwinden soll. Zwar bedeutet das nicht, dass wir an ihr nichts ändern könnten. Aber wir leisten der Unterscheidung von wichtigen und weniger wichtigen Menschen Vorschub, wenn wir sie verleugnen. Auflösen wird sie sich nur, wenn wir ihre Existenz zur Kenntnis nehmen und dann bearbeiten.

Inwiefern steckt diese Unterscheidung im Kern unserer Ethik?

Der antike Philosoph Aristoteles, der im allgemeinen als Gründervater der westlichen Ethik gilt, bestimmt in seinen naturphilosophischen Schriften das Männliche als Bewegungsursprung, das Weibliche als blosse Materie. Dass diese Hierarchisierung zu einer durchgehenden Teilung der Welt in eine höhere und eine niedrige Sphäre führt, lässt sich in seinem bekannten Werk „Politik“ nachlesen:

„Endlich verhält sich Männliches und Weibliches von Natur so zueinander, dass das eine das Bessere, das andere das Schlechtere und das eine das Herrschende und das andere das Die-nende ist.“ (Aristoteles, Politik, in der Uebersetzung von Eugen Rolfes, Hamburg 1981, 10)

Aristoteles wendet das Modell konsequent auf andere menschliche Beziehungen an, zum Bei-spiel auf das Verhältnis von Herren und Sklaven, Vätern und Kindern, Gesunden und Kranken, Athenern und Barbaren, wobei diese Verhältnisbestimmungen sich gegenseitig definieren und verstärken und schliesslich zu einem geschlossenen Weltbild zusammen wachsen. In der „Politik“ lässt sich nachlesen, wie sich das auf seine Vorstellung von gesellschaftlicher Organisation und Ethik auswirkt und welche Vorteile daraus für die freien männlichen Athener entstehen: Die Angehörigen der Gattung Mensch, die Aristoteles der niedrigeren Sphäre zuordnet, werden nämlich dazu bestimmt, für die Höheren den Alltagskram zu erledigen, damit die freien männlichen Athener sich ihrer eigentlichen Bestimmung widmen können: der Politik und der Theoriebildung. Das bedeutet auch: Wenn ein Sklave, eine Frau oder ein Ausländer stirbt, dann ist das um einiges weniger bedeutsam als wenn ein freier Athener stirbt.

Tatsache ist, dass (fast) die gesamte Ethikerzunft sich bis heute positiv auf Aristoteles bezieht, ohne diese fragwürdige Struktur im Kern seines Denkens ausdrücklich zum Thema zu machen und zu kritisieren.

Nun verdanken wir dem Aristoteles zwar auch eine Menge vernünftiger Gedanken. Und auch die Idee von der gleichen Würde aller Menschen stammt aus der Antike. In der Philosophen-schule der Stoa z.B. wurde sie entwickelt, oder von Jesus von Nazareth im Anschluss an seine jüdische Ueberlieferung. Es handelt sich um zwei Traditionsströme, die einander bis heute durchdringen. Auch Jesus musste erst von einer Ausländerin lernen, dass eine bestimmte Volkszugehörigkeit nicht per se Höherwertigkeit bedeutet (Mk.7, 24-30). Auch er steht nicht einfach über der Idee der gestuften Menschheit, die in unser Ethos und auch in unsere Ethik hinein wirkt bis heute. Als TheologInnen und PhilosophInnen müssen wir uns mit dieser Mehrschichtigkeit unserer Tradition befassen, die nicht zu der Vorstellung passt, dass die Ethik, die wir haben, als solche gut und verlässlich ist und die Probleme nur daraus entstehen, dass wir ihr nicht folgen.

Ich habe über die Wirksamkeit der zweigeteilten Ethik in unserer Gegenwart promoviert und bin dabei zu dem Schluss gekommen, dass es kein altmodischer akademischer Kram ist, über Aristoteles nachzudenken. Denn die Idee von der abgestuften Menschheit begegnet mir auf Schritt und Tritt. Sie begegnet mir auch in mir selbst. Deshalb plädiere ich dafür, dass wir über diese oft und gern verleugnete Struktur offene Debatten führen. Offene Debatten zu führen ist etwas anderes als einander Schuld zuzuschieben. Gerade dann, wenn es sich um ein Problem handelt, aus dem sich niemand ganz heraus halten kann. Der traurige Tod von Tony Paul Nnamdi, der nicht mehr rückgängig zu machen ist, könnte in diesem Sinne zum Anlass werden, über die Doppelgesichtigkeit unserer Moral wieder einmal oder auch zum ersten Mal öffentlich nachzudenken. Auch wenn sich vielleicht erweisen wird, dass es in diesem Fall ganz anders war...

Ina Praetorius
Krinau, 12. April 2003